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Gleichbeachtung der Geschlechter

Woraus entsteht geschlechtsspezifisches Rollenverhalten? Wie steht es um die Gleichbeachtung der Geschlechter in unserer Gesellschaft? Der Artikel liefert Antworten und Hintergrundinformationen zu diesen und anderen Fragen.
 

Die Strategie des Gender Mainstreaming bedeutet das Hinwirken auf die aktive und erkennbare Berücksichtigung der jeweiligen Situation von Jungen und Mädchen, Frauen und Männern. Für unser Schul- und Bildungssystem beinhaltet Gender Mainstreaming damit die Abkehr von geschlechtsneutralen Ansätzen und Konzepten: Man geht davon aus, dass es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt und dass sich somit die Geschlechter hinsichtlich ihrer Lebenswirklichkeit unterscheiden.

 

Denken Jungen anders als Mädchen?

Studien weisen in manchen Bereichen geschlechtsspezifische Denkvorlieben nach. Fragt man zum Beispiel einen männlichen Jugendlichen nach dem Weg zum Rathaus, so wird er wahrscheinlich metrische Angaben machen, etwa: "Hundert Meter geradeaus, dann im rechten Winkel rechts abbiegen, weitere 50 Meter geradeaus …" Von einer jungen Frau wird man eher anhand von "Landmarken" geleitet: "Den Berg hinab bis zur Tankstelle, dann rechts abbiegen und weiter bis zu dem gelben Haus …" Das eine wie das andere führt zum Ziel, aber: Erläuterungen, die der eigenen Denkvorliebe folgen, lassen sich nachweislich leichter merken, umsetzen, erinnern und reproduzieren.

Bilder in den Köpfen

Zarte Mädchen, harte Jungs?
Trotz spezifischer Denkvorlieben gibt es natürlich unendlich viele verschiedene Arten, Wege zu beschreiben. Schaut man nur nach den Unterschieden zwischen den Geschlechtern gerät aus dem Blick, dass die Bandbreite innerhalb der Jungen- und Mädchengruppen viel größer sein kann als zwischen den Gruppen. So zum Beispiel, wenn es um die Unterschiede zwischen den stillen und den dominanten Schülerinnen beziehungsweise Schülern geht. Und es gibt ja durchaus auch viele Jungen, die ein sehr distanziertes Verhältnis zu Technik haben, Schülerinnen, die in Gruppen die Konkurrenz motivieren und Mädchen, die körperlich stärker sind als Jungen.

Erlerntes Rollenverhalten
Geschlechterrollen sind universal, das heißt in allen bisher bekannten Kulturen finden Rollenunterscheidungen der Geschlechter statt. Die Rolleninhalte sind relativ; sie sind abhängig von Kultur, sozialem Status, Alter, Peergroup, Familienstruktur und so weiter. Die Mechanismen, die zur Übernahme der Geschlechterrolle führen, werden kontrovers diskutiert, zweifelsohne handelt es sich dabei aber um ein Lernen anhand sozialer Erfahrungen.

Polarisierung Schritt für Schritt
Bereits Zweijährige können sich geschlechtsspezifisch verhalten und sich selbst dem einen oder anderen Geschlecht zuordnen. Der Lernprozess erfolgt weiterhin in Teilschritten: Bis zum Alter von vier Jahren gelingt es Kindern in der Regel, andere Menschen, Puppen und Tiere nach Geschlecht einzuordnen. Dass das Geschlecht konstant bleibt, ein Junge später keine Frau wird, das wissen viele erst mit fünf Jahren ganz sicher. In jedem Fall beschneidet die Polarisierung auf ein geschlechtsspezifisches Rollenverhalten immer die individuelle Bandbreite und verhindert, dass beide Geschlechter gemäß ihrer Potentiale frei agieren.

Bildungssystem und Berufsorientierung

Schule: Werden Mädchen bevorzugt?
Bei der Betrachtung schulischer Realitäten wird deutlich: Im Hinblick auf die Bildungserfolge haben Mädchen in den letzten 30 Jahren aufgeholt. Ob Abschlüsse, Verteilung auf Schulformen, Wiederholungs- oder Abbruchquoten, in all diesen Bereichen sind die Schülerinnen inzwischen im Durchschnitt erfolgreicher. Zu recht sind daher seit Pisa 2000 die Aufmerksamkeit gegenüber den schülerspezifischen Hürden wie auch die Zahl der Initiativen mit schulischen und außerschulischen Veranstaltungen für Jungen gewachsen.

Beruf: Jungs haben die Nase vorn
In punkto Berufsorientierung sieht es anders aus als bei der Schulbildung. Hier haben die Jungen die Nase vorn und entscheiden sich eher für Berufslaufbahnen, die den Unterhalt sichern und es ermöglichen, finanzielle Verantwortung für andere mit zu übernehmen, die Karrierechancen bieten und last-not-least versprechen, die Rente zu sichern. Auch diesbezüglich ist die Zahl der Aktionen und Angebote gewachsen. Das Ziel bleibt das gleiche: Jedem Mädchen und jedem Jungen sollen die gleichen Wege offen stehen - unabhängig vom Geschlecht und egal ob typisch oder gegen den Strom.

Gleichbeachtung: Frauen sind unterrepräsentiert

Auf EU-Ebene ist das Gender Mainstreaming seit 1999 Recht und Gesetz. Gemäß dem Amsterdamer Vertrag gilt es für alle Mitgliedstaaten und verpflichtet sie darüber hinaus zu einer aktiven Gleichstellungspolitik. Gleichwohl sind Frauen bis heute an den maßgeblichen Stellen für politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Gestaltungsprozesse unterrepräsentiert. Um auf die Gleichbeachtung der Geschlechter hinzuwirken, setzt die Strategie an bestehenden, gesellschaftlichen Realitäten an. Daher gehören Datenbanken, die auch das Geschlecht erfassen, zum "A und O".

Für das genannte Beispiel lauten die Zahlen wie folgt: Weltweit beträgt der Frauenanteil in den Parlamenten durchschnittlich 16,6 Prozent. Deutschland liegt mit 31,8 Prozent auf Platz 16 - hinter Ruanda (49), den nordeuropäischen Ländern (Schweden 45, Norwegen und Finnland je 38, Dänemark 37), hinter Costa Rica (39), den Niederlanden (37), Kuba und Spanien (je 36), Argentinien und Mozambique (35).

Weitere Informationen im Web

    Zur Autorin

    Dr. Imke Troltenier ist freie Journalistin, Beraterin in Gender-Fragen und wissenschaftliche Begleiterin zahlreicher Projekte im Kontext von Gender Mainstreaming.

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